Liegt die Zukunft des europäischen Tourismus wirklich auf den Kapverden? Was ist dran, an den Kapverdischen Inseln?

Kapverden - Die Kanarische Rundschau ist dieser Frage nachgegangen. Hier lesen Sie die Antworten.
Die Kapverden oder Kapverdischen Inseln, also die Inseln mit einem grünen Kap, liegen nur zwei Flugstunden südlich der besser bekannten Kanarischen Inseln.
Tourismus gibt es auf den Kapverden dort schon längst, freilich keinen Tourismus wie auf den Kanaren oder den Balearen. Die gegenwärtige Situation auf der aus zehn unterschiedlichen Inseln bestehenden Inselgruppe kann touristisch gesehen mit der von Gran Canaria vor 40 Jahren oder noch länger verglichen werden, oder Fuerteventura, oder Teneriffa, oder La Palma, oder auch El Hierro oder La Gomera. Denn: Es gibt auf den Kapverdischen Inseln, freilich in unterschiedlicher Verteilung, Inseln, die fast so aussehen wie das grüne La Palma oder Fuerteventura mit seinem Zuckerstrand. Nur, dass die Strände auf den Kapverden nicht nur größer und zuckriger, sondern vor allem (noch) unbebaut sind. Der Einsamkeit suchende Strandwanderer kommt hier voll auf seine Kosten. Und genau das ist es, was viele deutsche Urlauber suchen. Wird auf den Kapverden jetzt ein neues touristisches Paradies entdeckt? Wie lange kann es ein Paradies bleiben? Ist es denn auch wirklich ein Paradies?
Wenn man in der Touristik vom Paradiese spricht, spricht man natürlich auch von Urlaubern, die dort hin wollen und sollen. Im ursprünglichen Sinne ist das Paradies unverdorben, hat jedoch den Nachteil, dass es ausreichende Flughäfen, Strassen, Krankenhäuser, Autovermietungen, Restaurants und Geschäfte nicht gibt, weil es eben ein Paradies ist, im wesentlichen unberührt. Der heutige, moderne Tourismus erfordert aber ein Mindestmass an Infrastruktur. Das gilt es auf den Kapverden erst noch aufzubauen, obwohl sich die bereits dort vorhandenen Hotelanlagen auch im internationalen Maßstab durchaus sehen lassen können. Allerdings wartet die erste chemische Reinigung noch immer auf die Eröffnung und ein potentieller Investor kam mit der Weisheit zurück: “Dort ist die Welt verdreht, überspitzt gesagt kostet das Kilo Hummer fünf, die Coca Cola jedoch fünfzig Mark”. Damit wird ausgedrückt, dass infrastrukturelle Dienstleistungen des modernen Tourismus eher teuer, die materielle Versorgung für Leib und Magen eher preiswert ist.
Zurück an die Basis. Die Kapverden haben einen vulkanischen Ursprung ebenso wie die Kanaren, neun der zehn Inseln sind bewohnt. Sie haben zusammen eine Fläche von gut 4.000 Quadratkilometern und sind zusammen damit etwa so groß wie Gran Canaria mal 2,5. 445 Kilometer sind es bis zur ostafrikanischen Küste. Es gibt im wesentlichen zwei unterschiedliche Inselprofile: Zum einen die flachen Inseln, mit riesigen Sandstränden drumherum, im wesentlichen Sal, Boa Vista und zum anderen die bergigen oder hügeligen Inseln wie Santiago, Santo Antao, Fogo, Sao Vicente, Sao Nicolau und Brava. Was der Interessent besonders wissen muss: Im Gegensatz zu den Kanaren mit ihrem gleichmäßigem Klima praktisch das ganze Jahr über, haben die Kapverden zwei unterschiedliche Jahreszeiten. Vom November bis Juli ist es trocken und warm, vom August bis Oktober kommt jedoch der Wechsel zur Südhälfte des Globus zum Tragen, denn in dieser Zeit ist es zwar auch warm, aber recht feucht und drei tropische Regentage hintereinander sind keineswegs eine Ausnahme. Die Durchschnittstemperaturen liegen um die 25 Grad mit einem Temperaturunterschied von etwa zehn Grad zwischen Tag und Nacht.
Gegenwärtig gibt es auf den Kapverden lediglich etwa 6.000 touristische Betten, die Hotels sind bis auf wenige Ausnahmen kleiner dimensioniert. Weil es nur einen einzigen internationalen Flughafen gibt, nämlich auf der nordöstlichen Insel Sal, ist dort die Entwicklung am weitesten fortgeschritten. Im Visier der europäischen Reiseveranstalter und der Investoren sind neben Sal insbesondere Boa Vista, Maio und Santiago. Wenn es nach den Verantwortlichen der staatlichen Investitions- und Infrastrukturgesellschaft Promex geht, könnte es um die Mitte dieses Jahrzehnts auf den Kapverden eine Verzehnfachung auf ca. 50.000 Betten geben. Das wäre immerhin schon knapp die Hälfte der Bettenzahlen des Südens von Gran Canaria, doch eben nicht verteilt auf wenige Quadratkilometer, sondern auf allen Inseln.
Die Kapverden gehörten bis 1975 zu Portugal und seit 1991 gibt es eine parlamentarische Demokratie. Man spürt aber allenthalben die koloniale Vergangenheit und die Armut der Einheimischen ist wirklich nicht zu übersehen, steht aber in krassem Gegensatz zu ihrer Freundlichkeit. Das muss freilich bei zunehmendem Tourismus nicht unbedingt so bleiben. Wenn sich die Struktur ähnlich wie in der Dominikanischen Republik entwickeln sollte mit einem Spannungsfeld zwischen der krassen Armut der normalen Bevölkerung und den Enklaven der gehobenen Herbergen für die Urlauber, um nicht direkt das Wort Ghetto zu gebrauchen. Eine Besonderheit der Kapverden ist, dass der internationale Flughafen zwar auf der Insel Sal liegt, die Hauptstadt Praia sich aber auf der südlichen Insel Santiago befindet, die etwa fünfmal größer ist als Sal. Strände gibt es auf der Hauptstadt-Insel nur in der nördlichen Hälfte, während es die sicher schönsten Strände auf der kleinen benachbarten westlichen Insel Maio gibt. Sie ist mit den kleinen Inselmaschinen in nur zehn Minuten zu erreichen und der Flughafen von Santiago wird bald soweit sein, dass nicht nur kleine Hüpfer, sondern auch Chartermaschinen landen können. Zwischen Maio und Sal liegt Boa Vista. Dort gibt es auch schon einen Strand mit dem berühmten Namen Santa Monica und es gibt auch schon Pläne von prominenten Investoren, allerdings bisher Pläne. Neben bekannten kanarischen Unternehmern aus dem touristischen Baubereich mit den Stichworten Tadeo oder Lopesan soll sich der ehemalige spanische Außenminister Abel Matutes engagieren, dessen Fiesta-Gruppe bisher schon recht ordentlich auf Mallorca gearbeitet und verdient hat. Angeblich ist der Inhaber der kanarischen Reederei Armas einer der möglichen Partner des Ex-Politikers. Angesichts der “Potenz” der Genannten könnte es sein, dass sie auch namhafte Aufwendungen für die notwendige Infrastruktur machen bis hin zur Finanzierung des Ausbaus des bisherigen Mini-Flughafens von Boa Vista. Die gegenwärtige Hotelstruktur wird überwiegend von Italienern angeführt, während sich russische Investoren weitgehend zurückgezogen haben. Ein Relikt der russischen Investoren ist das Hotel Aeroflot auf Sal, das allerdings nur 50 Zimmer hat, leicht antiquiert, aber mit schönem Ausblick auf den Zuckerstrand. Vorreiter der deutschen Touristik, vor allem auf Sal, ist C & N.
Wer jetzt vielleicht mehr Interesse hat als vorher und den Atlas zur Hand nimmt, der richte sich zur Orientierung an der westafrikanischen Küste auf Namen wie Dakar, bekannt von der Ralley oder auf Banjul, Bissau oder Conakry. Von Dakar und Banjul gibt es auch Flugverbindungen nach Santiago, nicht jedoch nach Sal. Diese Insel ist neben von Las Palmas de Gran Canaria auch von einer Reihe europäischer Flughäfen zu erreichen, u.a. selbstverständlich von Lissabon und Madrid, aber auch von Paris, Amsterdam, München, Rom oder Wien. Selbst vom amerikanischen Boston gibt es eine Flugverbindung. Natürlich haben die Kapverden auch eine eigene Fluglinie, nämlich die TACV-Caboverde Airlines. Neben der kleinen Twinotther für 19 Passagiere oder der kleinen ATR für 46 verfügt man auch über eine Boeing 757 mit 185 Sitzplätzen. Die Gesellschaft bietet innerhalb der Inseln auch einen recht preiswerten Flugpass, freilich nur für diejenigen, die auch mit der Gesellschaft die Inseln angeflogen haben. Aber das wird sich sicherlich bald ändern. Von den Kanaren aus geben sich potentielle Investoren auf den Kapverden heute schon gegenseitig die Klinke in die Hand. Es gibt organisierte Investoren-Ausflüge und gelockt wird mit billigen Grundstückspreisen. “Brächte man einen Mercedes mit”, so sagt einer der Zurückgekehrten, “könnte man dafür schon ein recht großes Grundstück kaufen”. Die staatliche Gesellschaft Promex hat für Fachinteressierte auch schon ein Merkblatt herausgegeben, das auch auf die Sicherheit einer Investition abhebt. Ohne einen Fachmann vor Ort kommt man jedoch in keinem Falle weiter, nicht nur wegen der Sprache, sondern wegen des üblichen Behördendschungels. Gesprochen wird auf den Kapverden im übrigen ein kreolischer Dialekt neben der Amtssprache portugiesisch. Spanisch wird oft recht gut verstanden. Mit englisch kommt man kaum weiter, mit deutsch natürlich auch nicht.
Das jüngste Abenteuer auf den Kapverden hatte eine Gruppe kanarischer Interessenten, die von der Firma Cabocan S.A. nach Sal geflogen wurden. Die etwa 50 Herren - Damen waren nicht dabei - erinnern sich mehr oder minder chaotischer Zustände aufgrund der ungewohnten, nämlich nicht vorhandenen Infrastruktur und aufgrund des paradiesischen Rückfluges mit der Spanair nach achtstündiger Verspätung. “Wie soll man hier investieren?”, fragte ein Teilnehmer öffentlich in der in Las Palmas de Gran Canaria erscheinenden Zeitung Canarias 7, wo doch die Cabocan S.A. 30.000 bis 40.000 Millionen Peseten von kleineren Anlegern sucht, nachdem sich größere Anleger für ein Riesenprojekt in den letzten drei Jahren nicht gefunden haben. Cabocan ist eine Gruppe von Unternehmern in Caleta de Fuste südlich des Flughafens von Fuerteventura. Sie müssen nach einer Vereinbarung mit der Regierung der Kapverden ein gratis abgetretenes Gelände von einer Million Quadratmetern innerhalb von fünf Jahren für 1.500 Millionen Peseten urbanisieren. Freilich sind es jetzt nur noch gut zwei Jahre und die Initiatoren glauben, dass sie in einem Jahr etwa die Hälfte der Urbanisation schaffen könnten. Wenn nicht, verlieren sie alles. Jetzt bieten sie den Quadratmeter für Investoren für 10.000 Peseten an, 200 Meter vom Strand entfernt. Die Bauweise soll zwei Stockwerke nicht übersteigen. Nach Angaben der Cabocan ist auch die Fiesta-Gruppe von Abel Matutes noch interessiert, angeblich auch eine ganze Reihe anderer spanischer Hotelgruppen. Die Teilnehmer der Besichtigungsreise hielten sich mit Kommentaren über die Drittklassigkeit des Flughafens, über wenig qualifiziertes Personal, schlechte Verbindungen und fast nicht existierenden Transportmöglichkeiten zurück. Nach dem Ursprungsprotokoll von 1997 müssen die Investoren im Rahmen der infrastrukturellen Aufwendungen für Abwasserbeseitigung und Meerwasserentsalzung sorgen. 600.000 der eine Million geschenkten Quadratmeter will Cabocan verkaufen. Entstehen sollen auf der Parzelle acht Hotels der 4- und 5-Sterne-Kategorie, 17 Parzellen sollen Wohnzonen werden, 14 weitere Parzellen könnten eine Mischbebauung von kleineren Hotels und privaten Wohnungen aufweisen. Ärztliche Versorgung, Einkaufszentren, Grünzonen - alles ist in Planung - für schließlich etwa 2.400 neue touristische Betten. Im übrigen ist die staatliche Promex an Cabocan beteiligt und deshalb wird den privaten Investoren für die nächsten fünf Jahre auch eine absolute Steuerfreiheit ihrer Investitionen versprochen. Um was es bei der touristischen Entwicklung bei den Kapverden letztendlich geht, zeigt eine Zahl: Erst etwa drei Prozent des Nationalprodukts kommen aus der “künftigen Zukunftsbranche”. Auch eine Hotelfachschule ist geplant. Das Paradies ist in Bewegung. Welche Art von Paradies dabei herauskommt, bleibt abzuwarten. Chancen für den mutigen Investor gibt es sicherlich zu Hauf. Bei den Flugzeiten werden die deutschen Urlauber immer flexibler, was auch die Karibik beweist. Doch letztlich hat sich die Regierung auf die Fahne geschrieben, dass der Tourismus die einzige Zukunft ist. Die Visumpflicht wird nicht ewig bleiben. Weil es aber auf der Weltkarte immer neue Destinations geben muss, ergibt sich die logische Schlussfolgerung “why not caboverdian islands”.
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